Erster Monatsbericht aus El Alto
Im Folgenden wird man meinen ersten Monatsbericht aus dem kalten, warmherzigen El Alto lesen koennen, in anderer Form als wie ichs ueber e-Mail verschickt habe… wer dennoch die handliche und gutzulesende pdf-Version dieses Berichtes erhalten will, der schreibe mir einfach: simon.vonoppeln@wi-ev.de
Liebe Freunde, Unterstuetzer und Spender,
vor euch seht ihr nun den Anfang des ersten Werkes, das aus meinem Kopf und meinem Tagebuch entstammt… ich moechte mir ein paar einleitenden Worten nur die Art und Weise des Berichtes erklaeren; denn er ist doch ein bisschen verzwickt geraten, und geht verschiedene Wege, die einen geht er ziemlich weit, die anderen betrachtet er kurz, um sie fahren zu lassen (oder um andere drauf fahren zu lassen oder um spaeter zurueckzukehren), wiederum andere laesst er ganz ausser acht. Chronologisch abarbeiten, was wir alles so unternommen haben moechte und kann ich nicht und ist nicht der Sinn. Der Sinn ist, einen Eindruck von meinen Eindruecken zu versuchen fuehlbar zu machen. Wie kann man Wort fuer Wort beschreiben, was ich gleichzeitig wahrnehme und dabei denke und was ich mit Ereignissen verbinde und was dies und das bedeutet? Das ist viel… dieser Bericht besteht zu einem aus einigen der wenigen Eintraege meines Tagebuchs, die doch sehr subjektiv und momentbezogen sind, und zu anderen Teilen aus fuer diesen Bericht geschriebenen Absaetzen. Beschrieben wird der erste Monat meines und des Aufenthalts von einem Dutzend deutscher Freiwilliger, die jetzt in La Paz, Cochabamba, Santa Cruz und Sucre arbeiten; wir sind in Buenos Aires mit dem Flugzeug am 31. August angekommen, dort eine Nacht geblieben, um schliesslich mit dem Bus nach La Quiaca, der Grenze zu Bolivien, zu fahren; von dort aus ueber Villazón, Potosí, Oruro nach Cochabamba, unserem ersten Ziel… die Fahrt dauerte rund 52 Stunden. Das nur als weitere Erklaerung, da mein Schrieb darueber keine genaue Aufklaerung gibt. Manche Ereignisse reisse ich kurz an, um sie gleich wieder fallenzulassen, weil ich keine Lust habe, einfach nur wegen einer Chronologie darueber zu schreiben. Ich moechte einfach nur fuehlbar machen, mit diesem ersten Bericht, dass es keine einheitlichen Bilder gibt, im Gegenteil, dass Bilder zersplittern und sich neuverbinden. Ich hoffe, das ist ein bisschen schoen.
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Buenos Aires, estoy aquí…
Ich bin hier.
Luft.
Buenos Aires riecht nach Benzin und hat wundersame Strassen. Der Verkehr ist verrueckt und befreiend.
Wir sind viertausend Meter hoch, nicht mehr lange bis nach La Quiaca, der Grenzstadt zu Bolivien. Ich atme. Die Luft im Bus scheint nicht dieselbe wie draussen. Quiero irme, ich moechte weggehen. Wir scheinen nicht zu atmen. Wir laden Hoehenkrankheit mit Prestige auf. Die Leute hier sind so weit weg fuer mich; auch weil ich mich nicht genug faehig glaube, spanisch zu sprechen. Suedamerikanische Busse sind sehr surreal. Das Wasser ist ausgegangen, schon vor zwei Stunden etwa; dann hat man gaseosas gebracht, Zuckerlimonade. Ich schaue hinaus: braun, braun, gelb, trocken. Traum.
In La Quiaca, einer staubigen Stadt, die wohl nur als Grenzstadt taugt, bietet uns sofort ein Herr seinen Dienst an, uns an die Grenze zu fahren, die wohl ein bis zwei Kilometer entfernt ist; wir sind zwoelf Deutsche und fallen daher sofort in eine hitzige Diskussion, ob uns der Mann wirklich zur Grenze fahren wird, oder uns allesamt ausrauben und toeten moechte… so ungefaehr, leicht ueberspitzt. Jedoch die Hoehe von 4000m, die gewisse Schwaeche, die daraus folgt, die Unlust, 40kg schweres Gepaeck (meines..) zwei Kilometer zu schleppen, ohne die noetige Luft dafuer zu haben, – diese Aspekte treiben uns langsam dazu, dem Mann zu folgen zu seinem kleinen Wagen mit grossem Kofferraum… wir fangen zusammen an das Gepaeck einzuladen – bleib da stehen, damit er nicht einfach losfahren kann! -, einer nach dem anderen, die grossen Rucksaecke natuerlich zuerst – laedt er jetzt auch so ein, dass wir alle da nocb reinpassen? -, es wird moeglichst platzsparend gepackt – da passen wir niemals alle rein! –, ich setze mich schon hinein, zusammen mit Mateo – setzt euch schon mal mit rein, damit er das Gepaeck sicher ist! -, weiter wird eingeladen, wir schweben zwischen Angst und Vertrauen, als wir endlich alle irgendwie reingequetscht sind, mit zweien, die vorne sitzen – wenn der Kofferraum sich oeffnet, haltet alles fest! – Die sind doch nicht so verrueckt, zwoelf Europaeer auszurauben.. – Doch! Gerade dann! – Observationen, Gedanken, Warten. Der Kofferraum oeffnet sich, Lukas faellt fast hinaus, aber niemand reisst uns Gepaeckstuecke aus der Hand, wir sind auch nicht in einem dunklen Hinterhof gelandet, wo eine Bande aus dreissig Argentinisch-Bolivianern uns auflauert, nein, wir sind hundert Meter entfernt vom Grenzfluss, der nur Staub ist, ueber den eine Bruecke fuehrt, welche wir auch ueberqueren werden, an welcher der bolivianische Grenzposten steht, wo wir nicht die uns zustehenden neunzig Tage bekommen werden, sondern nur dreissig Tage, wie es immer geschah… und warum? Weil dieser bolivianische Beamte keinen neunzig-Tage-Stempel hat! Unser Gepaeck ist schwer, aber wir sind ganz froh, uns Weg erspart zu haben, einige aus unserer Gruppe fuehlen sich sehr schwach; bei mir ist es schwebend, ich bin voller Eindruecke und ein spazierender Kopfschmerz begleitet mich.

Nach Potosí.
Wir haben in der bolivianischen Grenzstadt Villazón Coca gekauft, eine Ananas und verschiedene kleine Dinge, schliesslich einen Bus in Richtung dieser alten Stadt genommen, in welcher einst Ureinwohner als Arbeitssklaven Silber und Zinn aus den Minen geholt hatten. Potosí war damals wohl die reichste Stadt Suedamerikas, als Bolivien noch Hoch-Peru hiess, heute ist sie ein Stueck dunkler Geschichte im Buch dieses Landes, aufgeladen gleichsam mit Schmerz und mit Stolz; die Minenarbeiter, und die es waren, sind ein stolzes Volk, schliesslich haben sie eine Qual ueberstanden – oder ueberstehen sie noch, in einer Zeit, in der fast nichts mehr gebraucht wird aus Potosí, die Minen jedoch nicht stillstehen –, die nicht viele, und erst recht kein Europaeer ueberstehen wuerde. Die Blaetter der Coca, jener Pflanze, die verdammt wird als Rohstoff der Droge Kokain, wurde hier Lebensretter, Trostspender, machte die unmensch-lich harte Arbeit ertraeglich; was geschah? Die Kolonialisten erkannten die Kraft der Coca, die Heilung und Linderung ist, und liessen per “Gesetz” die Arbeiter Coca zu sich nehmen, gegen den Willen der katholischen Kirche, fuer die Coca ein Kraut des Teufels war; die Coca verwandelte sich bald in Mode und wurde exportiert, Getraenke wurden geschaffen, Weine, Likoere, Pillen, Coca-Cola,… Kokain als Narkosemittel wurde entwickelt und eingesetzt, Kokain als Aufputschmittel wurde angepriesen, bis..- ja, bis die Sucht einer Gesellschaft, Natur zu analysieren, zu extrahieren, zu manipulieren, eine verheerende Seuche auf die Welt gebracht hat: die Abhaengigkeit von Kokain. Doch was geschieht dann? Wer wird zur Rechenschaft gestellt? Wer wird beschuldigt? Die Coca wird beschuldigt, beginnend Anfang der 20er Jahre mit einem Gesetz aus den USA, das spaeter Grundlage der Betaeubungsmittelkonvention der Vereinten Nationen wird, das die Coca als schaedlichen, abhaengigmachenden Drogenrohstoff verdammt. Schon immer die ungerechte Justiz, eine Lynchjustiz, die sich immer hastig nach Schuldigen umsieht, die nur Symptome bekaempft und nicht die Krankheit.
Die surreale Fahrt im Bus durch die Nacht, in Villazón war es noch Tag, in den Abend sind wir hineingefahren, in der Nacht ist alles dunkel, die Menschen um uns herum, Bolivianer im Bus, die so fern sind, einer von uns muss sehr sehr dringend pinkeln, aber die Busse hier halten nicht an, alle zwei Stunden vielleicht oder nicht einmal; wir reichen ihm eine Tuete, aber natuerlich hat sie ein Loch.. der Geruch: vergorene Coca, Urin, Schweiss; es ist so dunkel und draussen erleuchtet nur das gruengraue Scheinwerferlicht die nahe Umgebung, Straeucher gruengrau, Felsen gruengrau; ich bin dick angezogen und schwitze, aber der ganze Bus schwitzt mit, und an den Scheiben klebt ein Teich von Wasser, es ist sehr heiss, ich kaue Coca und rieche Coca und hoere CAN, eine deutsche Band aus den Siebzigern, die durch ihre seltsame Art von Musik mir diese Fahrt ins Gedaechtnis treibt. Ich hoere immer wieder kleine Seufzer oder Rufe in diesem ewigstillen Bus, in dem niemand redet, ausser Deutsche; und alle schaukeln im Rhythmus der Schlagloecher; spaeter wird es kalt, sehr kalt, wir fahren nach Potosí und die Berge umschliessen uns… ich bin muede, der Bus ist so dunkel.


Potosí – Oruro – Cochabamba
Die Berge sind gewaltig und die Fahrt nach Cochabamba endete in der Nacht, ueberall nichts und in der Ferne die flimmernden Lichter einer nicht ruhenden Menschenwelt – in einem Kessel umgeben von dunklen, ruhigen Bergen -, die mich abschreckt und im Bus einer dieser kranken Waffenactionfilme – weshalb schuetten sich die Menschen zu mit den Krankheiten des Westens? Man schmiert sich zentimeterdick ein mit Zucker und Fetisch-Filmen, die eine muskuloese Gewaltmaennlichkeit verehren, warum? Weil solch eine reiche Kultur wie die bolivianische Aufgaben aufgibt… sie zu schuetzen, sie zu bewahren, sie zu praktizieren, erfordert Disziplin. Die westliche Kultur, die ein Ramschladen ist an Oberflaechlichkeiten verschiedener Laender, besitzt so etwas nicht; in ihr ist alles leicht, alles style, alles moeglich und nichts schlecht. Die reine Moeglichkeit technisch Dinge zu veraendern, sie kippt Pech ueber die Menschen so dass ihre Sinne verklebt sind.
In Cochabamba gleichzeitig die Angst vor dem Essen und die Gewissheit gesund zu bleiben. Und ich gebe einen Dreck auf die Sonnenbrille die ich verloren habe, wie ein Omen. Es ist der 4. September, Dienstag.
Nun, in Cochabamba, unserem ersten Zuhause, dort wir in einem Jugendzentrum schlafen, erhalten wir eine Einfuehrung von einigen unserer Vorgaenger, das sind Julia und Claus, die in Cochabamba im Colectivo Katari gearbeitet haben, ausserdem Matze und Philipp, die beide in El Alto im COMPA, der Comunidad de productores en artes, gearbeitet haben, in dem Projekt, in dem ich jetzt auch arbeite. Doch dazu weiter unten.
Die Einfuehrung ist eine feste Institution im Rahmen unseres Freiwilligendienstes, ein Konzept unseres Vereins Weltweite Initiative fuer Soziales Engagement e.V., und wird On-Arrival-Training (OAT) genannt; jeder Freiwilligenjahrgang bekommt es, und wird es selbst geben, und die Dinge verbessern, die ihm gefehlt haben; diese Verpflichtung sichert eine kontinuierlich steigende Qualitaet der Vorbereitung auf die Freiwilligendienste.
Wir wurden in die Geschichte Boliviens eingefuehrt, haben ueber wichtige Punkte gesprochen und Zeitzeugen des guerra del gas, des Gaskrieges, gehoert, der 2003 in El Alto stattgefunden hat – im Prinzip ein Kampf der armen Bevoelkerung, die auf der Avenida 6 de Marzo – Strasse des Sechsten Maerz -, einer der Zubringerstrassen nach La Paz, aus Protest Gaslastwagen zum Stehen brachten; noch unter anderem Praesidenten wurde dieser Protest niedergeschlagen. Boris und Yuri, die beide im COMPA arbeiten, jedoch Boris hier in El Alto und Yuri im sehr jungen COMPA Cochabamba – beide stammen aus El Alto -, erzaehlten uns von dieser Zeit.
Wir haben die Stadt Cochabamba gesehen, und sind auch aus der Stadt raus an den Rand der Berge gefahren, um dort unsere talleres in Spanisch zu geben, d.h. unsere im Vorhinein vorbereiteten kleinen work-shops zu jedwedem Thema. Ich habe durch Mateo, der in Santa Cruz arbeitet, viele Pflanzen kennengelernt, z.B. den Teebaum, dessen Oel fuer mich die reinste Medizin ist, und wir haben zusammen die Natur betrachtet, und dafuer bin ich im immer dankbar verbunden.
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10. September
Am Abend und in der Nacht zuvor waren wir ausgegangen. Zuerst fuhren wir mit dem Bus in die Gegend des Plaza Colón (Kolumbusplatz), um dort gewollt oder ungewollt ein surreales Spektakel zu sehen, eine Feier fuer den mes de la juventud, de la primavera y del amor (Monat der Jugend, des Fruehlings und der Liebe), welcher hier nun mal der September ist, in meiner Heimat mit den Farben grau und braun besetzt, welche den Herbst bezeichnen. Was daran surreal war: die Nacht, in der wir uns befanden, die Lichter, sehr gross: die Blaeserkappelle, die als einziges das fortissimo zu kennen schien, die europaeische Melodien spielte, um den Platz zu ueberfluten, eine Machtdemonstration in weissen Uniformen und einem dicken Tubaspieler, der als letztes hinter der Menge lief und, ja doch, wie ein Schweinchen aussah; die riesige Ballonfigur einer Flasche Cocacola, drei Mann hoch und aus Gummi. La juventud está tomando. Die Jugend trinkt. Julia und Claus trafen Bekannte, wir wollten doch schliesslich an andere Orte. Und so gingen wir auch an einen sehr anderen Ort; an einen Platz, der, laut Claus, von “Linken” eingenommen worden ist, en Platz der kostenlosen Information und des Diskurses; mein mageres Spanisch hemmt. Aber mir kommt es vor, als ob dieser Platz mit Stellwaenden, die vollgeklebt sind mit Zeitungsausschnitten, die mit Notizen versehen sind, reflektiert und kommentiert, gleichzeitig Flaeche der Werbung fuer subversive Veranstaltungen – mir kommt es vor, als ob dies alles dort unglaublich wichtig ist, Luft zum Atmen fuer die jungen Menschen, die einen Dreck geben auf den mes de la juventud und die ganzen Oberflaechlichkeiten, sondern die Freiheit suchen, die politische vornehmlich, denn sie bedeutet hier sehr viel.
Wir bleiben kurz, ich laufe ein wenig herum, wir sind interessierte Deutsche; schliesslich werden wir zum Gebaeude der Soziologie-Fakultaet der Universitaet gehen; dort feiert man diesen ersten Freitag im Monat, an dem ueberall in Cochabamba in der sogenannten Khoa, einem alten Ritual der Urspruenglichen, Kraeuter, Symbole, Coca, Wuensche verbrannt werden, como alimento para la Pachamama, para el espacio y el cielo, wie uns spaeter ein alter kleiner Indianer erzaehlen wird, “als Nahrung fuer die Pachamama, die Mutter Erde, fuer den Raum und den Himmel”. In der Universitaet ist es ein Fest im Treppenhaus, wir kommen hinein, gefuellt mit Menschen, natuerlich keine weissen, wir fallen auf, aber doch schoen… ich gehe ein wenig herum, suche meinen Platz, den es nicht gibt, halte mich an die anderen oder auch nicht, da beginnt eine Gruppe mit der música autóctona, der urspruenglichen Musik Boliviens, wiederentdeckt und mit Selbstbewusstsein erfuellt durch die jungen Menschen, die sie spielen; sie ist sehr rhythmisch und schnell mit den Floeten, die wie Panfloeten anmuten, es aber nicht sind, sondern zampoña heissen, die staendig in der Hitze der Musik ueberblasen werden, so dass die Reibung zwischen dem reinen Ton und seinem Oberton die Musik ergibt, die eine Zerrung ist fuer´s europaeische Ohr und so wunderschoen… – und dann werde ich an die Hand genommen und zum Tanzen mitgezogen, im Rhythmus der fiebernden Trommel, die gross und maechtig die Andenkultur begleitet, eine Schlange von Menschen, die sich an den Haenden halten und einfach tanzen, Arme heben und senken, laufen, im Kreise, und ich darin anfangs als Witz, da lachen manche drueber; ich sehe Gesicher und Finger, die auf mich zeigen und lachen, aber ich moechte mich nicht drum kuemmern, ich sage zu einem: Estoy tan grande, was grammatikalisch falsch heisst: Ich bin so gross; er wendet sich lachend an andere: dice que está grande, “er sagt dass er gross ist”, oder so; ich meinte meine Groesse, aber das kann ja durchaus seine Bedeutung veraendert haben. Das Verb estar bezeichnet im Gegensatz zum Verb ser – beide bedeuten mehr oder weniger “sein” – einen voruebergehenden, nicht dem Wesen eigenen Zustand. Andere aus unserer Gruppe aus Deutschen kommen nach und nah in diesen Strudel aus Tanzenden, die durch den engen Gang in den Innenhof und wieder zurueck fliegen; mein unangenehmes Gefuehl loest sich langsam auf.
Die Musiker hoeren auf. Verschiedene Leute tragen mit sich eine Plastikflasche, ehemals gefuellt mit Fanta oder Cocacola, jetzt mit gelb-braeunlichem Gebraeu: Es ist Chicha, Maiswein. Die Chicha spielt eine grosse Rolle sowohl fuer die Kultur hier, als auch dafuer, was mit ihr passiert, und was mit mir passiert, dem Fremden, der in diese Kultur hineingeht, aber eigentlich nicht bereit dazu ist. Das Wasser in Cochabamba ist nicht sauber, das ist ein grosses Problem; die Chicha wird damit gestreckt. Das sind die Fakten, die mich schon mal abschrecken sollen. Was dahinter liegt kann man verstehen: Ich werde konfrontiert mit einer Schuld. Die Krankheit steckt in mir, die Sache mit der Chicha macht sie offensichtlich. Cochabambas schmutziges Wasser ist eine Schuld. Ich kann in diese Kultur nicht eintreten, nicht einfach so: das loest Krankheiten aus; das ist meine Krankheit: kein Heim zu haben, wurzellos zu sein.
Europa ist in diese Kultur eingetreten und hat sich nicht die Schuhe ausgezogen, in ihren eigenen Stiefeln ist sie ueber die Natur und die Natuerlichkeit hier marschiert und hat das meiste zerstoert. Aber dies ist in der Legende ueber die Coca-Pflanze enthalten… sie spendet den Eingeborenen, den autóctonos, den Runa oder Mapun-che, oder wie sie in ihren Sprachen heissen, ihnen spendet sie Kraft und Gesundheit bei harter Arbeit; den Eindringlingen hingegen wird sie als Plage sich entwickeln, als Krankheit. Das ist das Kokain.
Wenn ueber die Produktion von Kokain aus den Blaettern der Coca gesprochen wird, und die Coca verdammt wird als Rohstoff, wird vergessen, dass das Kokain von westlichen Aerzten als Narkosemittel entwickelt worden ist und dass die notwendigen Chemikalien zur Produktion heute noch aus den USA stammen. Aber die Coca ist eine heilende Pflanze, sie hilft der Verdauung, gibt Kraft und schafft dem Koerper mehr Sauerstoff, wodurch die Hoehe besser ueberstanden wird. Die Coca ist eine heilige Pflanze, weil sie immer als Symbol der Kraft galt gegenueber den Konquistadoren, den Spaniern, Europaeern oder Nordamerikanern, welche ja auch nur alte, kranke Europaeer sind.
Nach einiger Zeit verlassen wir das Soziologiegebaeude, in dem wir so unerwartet empfangen worden sind, und fahren eingequetscht, sechzehn oder mehr Leute in zwei Taxis, weiter hinaus: Unser eigentliches Ziel heute abend, ein grosser Innenhof einer comunidad, wie ich draussen lese, einer Gemeinschaft, wo heute abend wie ueberall in Cochabamba die Khoa gefeiert wird; wir aber sind hier ein Dutzend Deutsche, die etwas mitbekommen sollen, die zumindest im Gehirn ein bisschen verstehen sollen, was dieses Ritual bedeutet, oder bedeuten kann, oder bedeutete oder bedeuten wird und was die Essenz der andinen Kultur ist.
In diesem grossen dunklen Innenhof von braunem Stein und Sand waren lange Tische und Baenke rundherum aufgestellt, und wenige Menschen vorhanden, biertrinkend oder cocakauend, alte wie junge. In der Mitte stand ein Schemel, auf dem kontinuierlich ein Haeuflein Dinge vor sich hin rauchte und einen anregenden Duft verbreitete. Wir kauften uns als allererstes allesamt Biere, um es uns irgendwie gemuetlich zu machen, noch passierte nichts.
Schliesslich wurden wir eingeladen, sozusagen exemplarisch an dem Ritual der Khoa teilzuhaben; ein alter Mann, gekleidet nach Art der indigenen Bevoelkerung, klein, doch mit sehr langen Armen und kraeftigen Haenden, hiess uns in einem Kreis um die Feuerstelle herum aufstellen. Er sprach in schnellem Spanisch, dass ich in der Zeit noch nicht so gut verstanden habe, von dem Ritual und von der Philosophie oder Religion der Anden.
Es qualmte kontinuierlich auf dem Schemel, von wo ein wuerziger Duft verbrannter Kraeuter, verbrannten Zuckers und Papier hervorkam. Der alte Mann kramte ein paar Blaetter der Coca hervor, um sie langsam um den Schemel herum, an den vier Ecken, zu verteilen. Er erzaehlte, dass dies eine Gabe sei an die vier Himmelsrichtungen, und nahm schliesslich selbst etwas von den Blaettern, kauend sprach er weiter: dass der Rauch Nahrung sei fuer die Pachamama, die Mutter Erde, Nahrung fuer den Raum und fuer den Himmel; aus einem Eimer, der danebenstand, nahm er ein kleines Holzschaelchen, das mit Chicha, dem Maiswein, gefuellt war. Auch davon schuettete er in alle vier Ecken etwas auf die Erde, schliesslich nahm er einen tiefen Schluck. Er erzaehlte weiter: dass dies ein Ritual der comunidad sei, der Gemeinschaft, ein Ritual des Teilens, ein Feiern des Teilens, ein gemeinsames Feiern, das endet in der hyptnotisierenden Musik und dem kraeftigen, rhythmischen Tanz, den alle gemeinsam tanzen und jeder mit jedem. Claus uebersetzte vieles von dem, was er sagte. Weiterhin: dass der Kommunismus versucht habe, eine aehnliche Gemeinschaft aufzubauen, dass aber genau diese Gemeinschaft schon tausende Jahre existiere, und zwar in den Anden; dass der Kapitalismus die Herzen verschliesse und blende und unfaehig zu dieser Form von Zusammenleben mache; er sprach in diesem Zusammenhang auch von „den Juden“.
Wiederum schuettete er die Chicha in die vier Ecken und nahm selbst einen tiefen Schluck; schliesslich reichte er uns die Schale, und reihum nahmen wir alle kleine Schluecke. Sind wir nun ein Teil der comunidad? Wir bleiben Zuschauer; aber wir wurden an einen Tisch eingeladen, uns zu setzen und man reichte Coca und, an Willige, die Schale voll Chicha. Ich nahm einen weiteren Schluck und die Coca dankbar an, um schliesslich in ein bisschen Stille zu versinken, weil ich doch gut sehen und zuhoeren wollte.
Eine Gruppe von Menschen fand sich in der Mitte des Hofes zusammen, um ebendiese Musik anzustimmen, die so komplex ist und mich hypnotisiert, die einen tanzen macht und nicht aufhoeren laesst; und so kamen wir auch in einem Kreis zusammen, um die Musiker zu umkreisen, haendehaltend, haendehebend, in gemeinschaftlichen kraeftigen Bewegungen – manchmal fanden sich auch zwei in der Mitte zusammen, um kreiszutanzen, um Arm in Arm zu tanzen, und wieder zurueck, in den grossen, rennenden Kreis, der sich verengte und weitete, der sich aufloeste in eine Schlange von rennenden Menschen, schliesslich sehr viele, viele Menschen, wir Deutsche und fast alle die sonst da waren, schnell und atemraubend, aber durch die Musik… ich machte nach einiger Zeit eine Pause, um schoene, erschoepfte Gespraeche zu haben, ueber Theater, und das heisst fuer mich ueber alles. Nach einer weiteren und weiteren Runde des Tanzes fand ich mich sehr, sehr erschoepft und mochte gehen… aber schlussendlich wechselten wir nur den Ort, gingen in einen anderen, kleinen Hof, in dem Menschen sassen und redeten, und ich war nur noch muede und wollte heim. Am naechsten Tag war ich krank und schwach, die Chicha, das Deutschsein, die Konfrontation, mein Koerper.
Ein Arzt hat in meinem Bauch herumgewuehlt und gesagt, ich haette vielleicht Typhusfieber (was nicht gleichwertig mit Typhus ist), das Labor hatte geschlossen.
Am naechsten Tag ging es mir wieder gut.
Nach weiteren Tagen mit Aktivitaeten, Einfuehrungen, Sprachkursen, fahren wir, das sind Franz, Lukas, Sebastian und ich mit Philipp, unserem Vorgaenger, endlich nach El Alto, um dort eine spezifische Einfuehrung zu erhalten.
Was sind die ersten Eindruecke von hier?

unser Haus in El Alto
El Alto und die Waerme, das Willkommensein, gringo-Rufe oder -Gefluester von Jugendlichen, die sich wohl dadurch fuer richtige Bolivianer halten – aber solche Rufe gibt es nicht oft -, die Buntheit, die versteckt ist im scheinbar Kargen, die Hilfsbereitschaft, die Kaelte im Haus, die Berge – der Illimani, der Huayna Potosí -; La Paz oder Ichkannnichtatmen, Schnelligkeit, eine Frau redet auf eine Bettlerin ein, von oben nach unten, dass es ja doch Arbeit gebe, hay trabajo, edle Restaurants, in denen wir unser Geld spueren koennen, denn fuer das volle Essen nebst Wein bezahle ich vielleicht 10 Euro… die Universitaet, der Qualm, der Gestank, der Laerm, die alternativen Zeitungen…

Der Kessel La Paz

Ciudad Satélite (Satellitenstadt)
Comunidad de productores en artes – COMPA
In Ciudad Satélite, dem aeltesten Teil der Stadt El Alto, in dem auch wir Freiwillige in einem gemieteten Haus leben, dort liegt die casa de la cultura de la Fundación COMPA – das Haus der Kultur von COMPA, der Gemeinschaft von Kunstschaffenden –, direkt neben dem mercado, dem Markt, in der calle de la cultura, der Kulturstrasse, die so heisst, weil ihre Waende zu grossen Teilen von Jugendlichen und Kindern, also Kuenstlern, bemalt sind, wunderschoene Arbeiten, die die Gegebenheiten der Wand, des Ortes in die Bilder miteinbezieht – so werden Fenster zu Augen und Tueren zu Muendern –; dieses Haus besitzt eine ungefaehr zwanzigjaehrige Geschichte, die so anfaengt: Ein Mann namens Iván Nogales arbeitet in einer Jugendbesserungsanstalt in La Paz, dem von den Strassenkindern, die dort einsitzen, sogenannten Trono – Thron… dieser ernste Humor beeindruckt mich sehr –, und macht dort Theater mit Strassenkindern; sie kommen frei und Iván arbeitet weiter mit ihnen, in seinem kleinen Haus in El Alto, Ciudad Satélite, wo es in dieser Zeit noch sehr anders aussieht, denn zu dieser Zeit existiert die Stadt “El Alto” noch nicht, denn diese Stadt ist gerade in den letzten 25 Jahren entstanden und gewachsen auf Millionengroesse… in jenem kleinen Haus, das heute der comedor, das Esszimmer, im riesigen, bunten COMPA-Haus ist, hat alles begonnen; und das bedeutet: das Teatro Trono hat dort seinen Anfang genommen, mit Theaterstuecken, die die Strassenkinder und –jugendlichen entwickelt haben, die heute Klassiker des Trono sind, sozialkritisch, derb, ueberspitzt und dynamisch; die Comunidad de productores en artes, die Gemeinschaft von Kunstschaffenden, wurde gegruendet, um groesser zu werden, um weitere Leute zu finden, die teilhaben wollen an einer Veraenderung durch Kunst, an einer Arbeit, die die eigene Realitaet reflektieren und verarbeiten will… heute ist COMPA eine Institution, besitzt ein grosses Haus, das fast ausschliesslich aus wiederverwertetem Material besteht, und hat seine Arbeit auf die folgenden Themen definiert:
Derechos Humanos – die Menschenrechte
Género – Geschlechter und Gleichberechtigung
Identidad, Autoestima – Identitaet und Selbstvertrauen oder –bewusstsein
Liderazgo – die Faehigkeit, sein Leben zu fuehren (Fuehrerschaft)
Desarrollo Sostenible – Nachhaltige Entwicklung, Arbeit am Bewusstsein fuer Oekologie, Erhaltung der Natur, praktisch Arbeit am Bewusstsein fuer das medio ambiente, das Feld, in dem jeder einzelne dazu beitragen kann, die Umwelt zu erhalten (Muell, Strom,…)
Jede Arbeit, sei es Theater, Musik, Zirkus, Keramik, wird diese Themen in irgendeiner Art und Weise beruehren; und zwar immer kuenstlerisch (artisticamente), immer partizipativ (kein Frontalunterricht). Es geht in jeder Sitzung direkt oder indirekt um jene Themen und darum, Kunst zu machen und dadurch Veraenderungen, Bewusstsein und Traeume zu schaffen. Das ist die Vision von COMPA.

das grosse Kulturhaus in Ciudad Satélite…
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25. September
Jetzt bin ich in einer Gastfamilie, seit zwei Tagen, und darueber gibt es viel zu sagen, denn sie ist eine ueberaus normale und sehr besondere Familie; sie versucht, ihre Besonderheit durch eine Decke der Normalitaet zu verstecken, d.h. Radio an, Fernseher an und uebers Wetter sprechen, so wie jeder, der es fuerchtet, in das Loch voll Moeglichkeiten und Geheimnissen, in die Dunkelheit seines Selbst zu schauen, in der es irgendwo leuchtet. Deshalb auch der Zucker in allen Dingen, und die Angst vorm Ungezuckerten; meine Gastoma – abuelita, Grossmuetterchen – stellt mir den Kaffee hin, der nicht wie unserer ist, Instantkaffee oder gemacht aus einer Art Kaffeekonzentrat, das bei uns allerdings normaler Kaffee waere, insofern “viel zu schwach”, sagt, dass der Zucker leer sei; ich nehme einen Schluck, sie beschwichtigt mich schnell mit erhobener Hand, ¡espera, espera! ruft sie: “Warte, warte! Ich hole den Zucker!” und bei der naechsten, neuen Tasse bedeutet sie mir in automatischem Reflex wiederum die Zuckerdose.
Die Frage ist eben, warum es hier so viel Ablenkung gibt.
Die offenen Adern Lateinamerikas werden zu stillen versucht, aber nicht durch tiefgreifende Arbeit, sondern Schmerzmittel: Der Zucker lenkt vom falschen Instantkaffee ab oder anders: der Geschmack richtigen Kaffees wird nicht ertragen; es gibt vino dulce, eine Art leicht vergorene Traubensaftschorle, und der Rotwein ist nicht sehr beliebt. Hier ist alles nicht sehr stark und zuvorkommend suess. Die staendige Praesenz des Radios um nicht Stille zuzulassen… ich spuere aber, dass es hier reine Dinge gibt, aber doch sind sie hier wo ich gerade wohne so verzuckert, so verduennt. Aber was heisst schon hier. Das sind nur die Errungenschaften einer Welt, die diese Welt hier besetzt, einer Welt, die stolz darauf ist, Natur zu mechanisieren, zu reproduzieren, zu verduennen und als leichtverdaulichen Extrakt auf den Markt zu bringen… eine falsche Industrialisierung der Ernaehrung, gleichzeitig jedoch auch der Widerstand, irgendwo, da gibt es welche… Das schlimmste sind die sogenannten gaseosas, Fanta, Cocacola, alle Zuckerlimonaden, die der Gesundheit schaden.
Das schoenste sind die vielen Fruechte, das Gemuese, die Vielfalt der Arten, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann, wo Supermaerkte regieren (es sei denn, man geht zu bestimmten Zeiten in einen guten Bioladen, dann wird man im Herbst beispielsweise die ganze Rueben- und Apfelvielfalt Deutschlands entdecken…). Es gibt weissen, roten, gelben und schwarzen Mais, die zu verschiedensten, unglaublich leckeren Speisen verarbeitet werden, z.B. humintas, in Maisblaettern geduensteter Maisbrei mit Kaese, aber suess; api, ein heisses suesses Getraenk aus dem Mehl des roten und weissen Mais, gewuerzt mit Nelken und Zimt, das hier zum Fruehstueck getrunken wird, aehnlich wie tojori, aus gelbem oder schwarzem Mais, gleichsam heiss und suess, aber grober.

Aus dem alten uramerikanischen Getreide quinua wird hier morgens mit Aepfeln ein heisses Getraenk mit ein wenig Sahne gemacht, der jugo de quinua (“Quinuasaft”) ausserdem Suppen und Brot – doch das Brot, k´ispiña, ist schwer zu finden, ueberall gibt es nur das Brot aus weissem Weizenmehl, manchmal Vollkorn, jedoch schmeckt es nicht so gut.
An jedem Markt, und in gewissen Teilen El Altos an jeder Ecke wird man Menschen finden, die mit Waegelchen herumfahren, um jugos, Saefte, aus jeglichen Fruechten, besonders aber aus Orangen und Pampelmusen, zu verkaufen, oder frisch geschnittene Scheiben von Ananas oder Wassermelone. Wenn man sich beeilt, das bolivianische Spanisch und seine kleinen Woertchen zu lernen, wird man oft in den Genuss kommen, nicht nur ein Glaeschen des Saftes, sondern yapa zu erhalten, das heisst ungefaehr soviel wie: ein bisschen mehr, und macht mir viel Freude.
Ich moechte noch von den Kartoffeln hier berichten, von denen es hier ueberaus viele verschiedene Sorten gibt, “normale” und suesse, natuerlich; aber eine Sache gibt es nur hier: chuño. Die urspruenglichen Einwohner dieses Landes haben eine Art gefunden, Kartoffeln haltbar zu machen, so dass sie fuer hunderte von Jahren ihre Naehrstoffe behalten, eine Art Trockenvorgang, bei dem die Kartoffeln jedoch zuerst eine gewisse Zeit im Fluss verbringen und schliesslich trocknen, so dass sie schrumpfen und schwarz werden; das sind chuños und sie schmecken sehr nussig und ueberaus lecker. Eine andere Form der Haltbarmachung laesst die Kartoffeln weiss werden, sie heissen dann tuntas.
Bananen gibt es hier nur wahre, gute, reife Bananen und das heisst, dass sie voller brauner Flecken sind. Ich habe schon vielen Leuten hier von der Verruecktheit einiger Deutscher erzaehlt, zu glauben, Bananen mit braunen Stellen seien faul, was ja eine grosse Dummheit ist, denn sie und nur sie sind reif und suess und lassen den Mund nicht wie eine Pflaume zusammenschrumpfen. Aber mehr: Es hat nicht nur die normale Banane, sondern auch eine winzige Banane, ceda genannt, die gelber schmeckt, ein bisschen sauriger und suesser; die Kochbanane, die hier auch postre genannt wird, was eigentlich Nachtisch heisst, die gebraten oder frittiert wunderbar nach Kartoffel und Banane gleichzeitig schmeckt; schliesslich eine Banane mit leicht roetlicher Schale, die sinngemaess “Apfelbanane” genannt wird, deren Geschmack wiederum etwas in die Richtung des Apfels geht, eine andere Suesse eben.
Linaza, ein suesses Getraenk aus irgendwelchen Samen mit Limonensaft, heiss oder kalt; kisa, ein Getraenk aus getrockneten Pfirsichen – in den Glaesern schwimmt immer einer mit; avena con leche, ein Getraenk aus Hafer mit Milch; Papayasaft, Erdbeersaft, Karottensaft (manchmal mit Alfalfasprossen),…
Und warum schreibe ich das alles? Um meinen lieben Lesern und mir selbst zu erhellen, wie reich dieses Land ist.

30. September
Ich habe bolivianische Melodien auf der zampoña, einer Art Panfloete, gelernt und bin gluecklich auch auf der pífano, einer Art Querfloete. Der Fernseher laeuft und zeigt Ringerkaempfe, Wrestling, die meine Familie auf DVD besitzt – ich habe schon von meinem Mitfreiwilligen Lukas die Frage gehoert, ob denn meine Familie auch jeden Sonntag Wrestling gucke -; ich schaue nicht zu, aber hoere die Geraeusche, sonst niemand. Morgen werde ich eine erste richtige Sitzung mit Jugendlichen haben, die Theater machen wollen, ich habe schoene zwei Stunden vorbereitet. Einer von ihnen – ich habe schon ein wenig mit ihnen gesprochen, sie wohnen in einem weiter entfernten Distrikt, wo es eigentlich nichts kulturmaessiges gibt – studiert Mathematik in La Paz und kennt Dylan Thomas, Brecht und Goethe; er sagt, er sei gern allein und denke nach und habe nicht so viel mit “comunicación” am Hut.
Mein Gastbruder, der kleine, vier Jahre alt, stellt sich auf einen Hocker und versucht zu fliegen, ¡Voy a volar! sagt er, “Ich werde fliegen!”. Eigentlich ist das meiste, was er in seinem Leben hoert, Anweisungen, Verbote und Sorgen. No vas a destrozar algo. Du wirst hier nichts kaputt machen.
In Cochabamba wars, dass mich ein Maedchen nachts auf der Strasse angesprochen hat, das einen Bauchladen hatte und verkaufte – Suessigkeiten und Zigaretten -, als ich mir mit Philipp zusammen einen Hamburger kaufte, um danach Billardspielen zu gehen, es sagte ich sollte ihm doch einen Hamburger kaufen und ich – wohl – mimte indifferent, nichtverstehend, was auch halb so war, ich begriff die Situation nicht, oder? Nichts geben, Geiz, aber doch auch nicht, was sind fuer mich vier Bolivianos, vierzig Cent, scheu, Scham und der Gang der Dinge – jedenfalls tat ich nichts und kurze Zeit spaeter zeigt sie mir den Hamburger und sagt, eine Señora habe ihn ihr gekauft und nicht ich. Spaeter sehe ich sie noch in der Bar, wo Billard spielen das Laecherlichste der Welt ist, vor allem so schlecht, wie ich und Philipp es tun; sie setzt sich an die Theke und redet mit dem Barmann, das Maedchen ist vielleicht acht, neun, zehn Jahre alt und groesser als ich; mit ihrem kleinen Laden ragt sie ueber mich hinaus, der ich bloss Konsument bin. Und der Ballast des Queues, der wie ein Szepter ist, der mich in dem Moment unterscheidet, so unterscheidet. Es ist ein Land, das so sehr fuer Konsumenten lebt, denn fuer jeden Mist gibt es jemanden, der es tut, selbst fuer “die braunen Stellen der Ananas wegschneiden”, das unternimmt eine cholita auf der Strasse fuer dich, wo es alles gibt, was du kaufen willst.
Cholitas. Ich wollte sie eigentlich nicht erwaehnen, ohne vorher erklaert zu haben, was heisst erklaeren,… ein bisschen darueber geschrieben zu haben, wen man hier so als cholita bezeichnet. Da gibt es ein paar wichtige Details: cholita, das ist die Verniedlichung vom Wort chola, welches die feminine Form des cholo ist, was ein Schimpfwort ist gegenueber der indigenen, oder urspruenglichen Bevoelkerung, vielleicht vergleichbar mit dem Ausdruck nigger in den USA – oder mit dem gleichwertigen Ausdruck indio, das hier auch einen veraechtlichen Beigeschmack hat. Cholita jedoch, das ist ganz normal; wir erkennen also schon, wer hier cholita genannt wird sind Indigene, oder zumindest traditionsbewusste Frauen, die ihren Kleidungsstil, ihre Arbeit und wohl auch das Aymara, eine der urspruenglichen noch gesprochenen Sprachen, an ihre Toechter weitergeben, trotz der Tatsache, dass hier fast alle Menschen indigene Wurzeln haben, gleichzeitig jedoch auch spanische Vorfahren usw. Aber eigentlich ist das ziemlich egal. Die cholitas jedenfalls, die cholitas paceñas, also die aus der Region La Paz, sind sehr auffaellig wegen ihrer Kleidung: dicke Roecke, noch mehr Unterroecke, Tuecher um den Oberkoerper und auch ein buntes, gemustertes Tragetuch, in welchem sie ihre Kinder tragen, Waren, Einkaeufe, usw. Man findet sie ueberall, an jeder Strassenecke, jeden Alters, verkaufend. Sie verkaufen Saefte, Obst, Gemuese, Tragetaschen, Ordner, Stifte, … sie sind die arbeitende Klasse, die verkaufende Klasse; man sieht nichts von ihren Maennern, doch normalerweise haben sie welche, oder die Maenner haben sie, das ist nicht sicher. Sie arbeiten viel und hart, stehen frueh auf und kommen spaet heim, versorgen die Kinder, waschen und fuehren den Haushalt. Oftmals ist der Mann das Gegenteil, Trinker, faul. Mir erzaehlte jemand, dass frueher Frauen nur in Gesellschaft getrunken haben. Heute tun es manche auch allein, so wie die Maenner; die gleiche Person, es war eine Frau, erwaehnte eine Art falsche Emanzipation, die hier stattfindet, die jedoch nur die schlechten Eigenschaften, welche die Maenner hier durchaus besitzen, ummuenzt in “Rechte”, die nun auch die Frauen haben.
Ueber das Trinkverhalten “der Bolivianer” (ich verachte diesen Ausdruck, trotzdem schreibe ich “die cholitas”, westliche Logik, denn der Wald bedeutet mehr als der einzelne Baum) zu schreiben, ist vertane Arbeit. Mein Gastvater, selber sehr “gut dabei”, erzaehlt – es geht aber normalerweise nur um die Sonntage oder Feiertage, von denen es hier viele viele gibt –: Wir Bolivianer fangen morgens an, ueber mittag und abend, weiter in die Nacht bis zum naechsten morgen. Ich habe seine Einladung eines Sonntagmittags auf ein Bier nicht angenommen; und das war nicht unhoeflich, das war gesund.
Die Arbeit
Weiter oben habe ich geschrieben, dass das COMPA unsere primaere Arbeitsstelle ist. Das stimmt insofern, als dass wir hauptsaechlich im Dienst der Comunidad stehen, aber nicht, dass wir hauptsaechlich in der casa de la cultura, im grossen Kulturhaus, arbeiten. Warum nicht? Erstens, weil es dort schon viele Aktivitaeten gibt; weiterhin, weil das COMPA als Comunidad darauf aus ist, anderen Kulturzentren in weiter entfernten, aermeren, infrastrukturell und sozial benachteiligten Vierteln zu helfen, weil also unsere Arbeit vor allem an anderen Orten benoetigt wird. Wir fahren mit den Bussen, die es hier ueberall gibt, oft dreissig bis vierzig Minuten zu unseren Arbeitsstellen, oftmals werden die Strassen immer schlechter, bis sie nur noch Sand und Steine sind – dort arbeiten wir, machen Theater, Lego, Hausaufgabenbetreuung, Video, Radio, Zeitung,…
Es gibt zum Beispiel ein vor zwei Wochen eingeweihtes neues Haus, eine „Filiale“ des COMPA, sehr klein natuerlich, ungestalt, in einem recht weit entfernten Distrikt, dort es nichts gibt, wie uns Jugendliche berichtet haben. Zweimal in der Woche versuche ich, mit Jugendlichen zusammen eine Gruppe aufzubauen, die Theater macht und Theater entdeckt.
Ein Arbeitsplan hat sich entwickelt, der allerdings noch fliesst, d.h. sich veraendert mit den Gegebenheiten, mit den Gruppen; im COMPA werde ich mit Lukas zusammen versuchen, mit einer gemischten Gruppe aus Bolivianern und Deutschen das Schwarzlichttheater, das unsere Vorgaenger initiiert haben, weiterzufuehren und Stuecke zu entwickeln, weiterhin biete ich dort einmal in der Woche ein koerperliches und stimmliches gesangliches Training fuer Schauspieler an, an welchem im Moment eine Gruppe aus Jugendlichen teilnimmt, die selbst Theater machen.
Ein Abenteuer fuer mich wird die Arbeit mit Keramik sein, in der ich im Moment eingelernt werde. Sie besteht aus zwei wichtigen Teilen: erstens, Besuche an Schulen oder Institutionen, um mit Kindern und Jugendlichen zusammen die Themengebiete Menschenrechte, Selbstvertrauen/Selbstachtung, Liderazgo (Fuehrerschaft), Oekologie zu betrachten, immer mittels der Kunst, in diesem Fall vor allem: Zeichnungen, Bilder auf Tonplatten, die gebrannt und ausgestellt werden, die Kunst als Fahrzeug um diese Themen kennenzulernen und zu reflektieren; der andere Teil besteht aus fuenfmonatigen talleres, Workshops, Werkstaetten, in denen Kinder und Jugendliche und wer will von Grund auf das Toepfern lernen kann (jedoch nur das Toepfern von Hand, eine Drehscheibe gibt es nicht). Ich werde im Moment in die erste Arbeitsweise eingefuehrt, um schon bald selbst an eine Schule gehen und mit Kindern auf diese Art und Weise arbeiten zu koennen; spaeter werde ich auch im „normalen“ Toepfern ausgebildet, um gleichsam wiederum andere ausblden zu koennen, wenn ich will. Und ich denke, ich will.
Eine weitere wichtige Saeule unserer Freiwilligenarbeit ist die escuela móvil, die Mobile Schule, welche entwickelt wurde vom Belgier Arnoud Raskine, speziell fuer die Arbeit mit Strassenkindern. Die Mobile Schule werde ich in spaeteren Berichten ausfuehrlicher behandeln. Trotzem eine kurze Minute ueber die Arbeit mit Strassenkindern, die wir noch nicht getan haben. Wir wissen nichts darueber und koennen nur Theorien streuen, die sich als gleichzeitig erleuchtend und verfinsternd herausstellen. Ich fuehle, dass die Arbeit mit Strassenkindern eine sehr besondere ist, eine, die fordert, dass man mit ganzem Wesen und Herzen dabei ist… sonst? Sonst wird man nicht nur scheitern, man wird gefaerhlich sein. An einer Oberflaeche herumkratzen ist es, aber wenn man nicht vollkommen dabei ist, das Blut zu stillen, dann wird es schaedlich und es war ploetzlich mehr guter Wille als das Gute. Strassenarbeit ist, das spuere ich, existentielle Arbeit.
Aber unsere Arbeit hat gerade erst begonnen. Ich koennte ausufernd schreiben ueber ein weit entferntes Kulturzentrum im Niemandsland El Altos, namens Inti Phajsi, wo ich viel helfen und arbeiten will, denn dieses Zentrum ist der Traum einer Gruppe von Jugendlichen, die gemeinsam arbeiten, um durch Kunst Veraenderungen zu schaffen. Die Comunidad Inti Phajsi und wie ich dort helfen werde, wird Thema eines der naechsten Berichte sein. Der Wunsch und Traum ist irgendwie in mir, das Theater und die Arbeit am Theater mit der andinen Philosophie zu verbinden.. die Gemeinschaft und das Lernen, mein Lernen, unser Lernen.

in Cochabamba mit unserem Sprachlehrer, vlnr: Ich, Lisa (Cocha), unser Lehrer, Max (Cocha), Julian (Cocha), Andrea (Sucre)
Die Fotos wurden mir freundlicherweise von meinem compañero Lukas Bretzinger zur Verfuegung gestellt, da meine Kamera gerade nicht funktioniert. Sie stammen wiederum auch von anderen Freiwilligen, z.B. Mateo Schmitthenner, der in Santa Cruz arbeitet. Danke!
Moeglichkeiten des Kontaktes:
in El Alto
Plan 361, calle 7, No 252
Ciudad Satélite, El Alto, La Paz
Bolivia
+591 2 28 123 56
Bitte nichts wertvolles schicken, oft kommt es nicht an.
im Internet:
sbolivar.wordpress.com
simon.vonoppeln@wi-ev.de
skype: simon.vonoppeln
Lesenswert:
www.bolpress.com (alternative Nachrichten ueber Bolivien, spanisch)
Weltweite initiative für
Soziales Engagement e.V.
Odenwaldschule Ober Hambach
64646 Heppenheim
Deutschland
www.wi-ev.de
www.schwarz-auf-wise.de
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